Brendan Carty: Die Architektur von Poitín und Whiskey der Killowen Distillery

Killowen Distillery

Die Killowen Distillery von Brendan Carty liegt im Nordosten der irischen Insel. Ihre bescheidene Heimstatt befindet sich an den südlichen Berghängen der mächtigen Mourne Mountains. Diese fallen hinab in Richtung Carlingford Lough, einer Meeresbucht, welche das Gebirge von der Halbinsel Cooley trennt. Richtig, Cooley. Ein Name, der im irischen Whiskey-Universum einen vertrauten Klang hat. Denn nur wenige Kilometer Luftlinie von Killowen entfernt befindet sich die Cooley Distillery, ab den späten 80ern die Keimzelle des Widerstandes irischer Whiskeyproduktion gegen das Duopol der Massenbrennereien aus Bushmills und Midleton. Als John Teeling, Gründer der Cooley Distillery 1987 begann, Whiskey zu destillieren, ahnte Brendan Carty, Gründer der Killowen Distillery noch nicht, dass er 30 Jahre später einen ähnlichen Weg bestreiten würde. Nur in deutlich kleinerem Maßstab als es John Teeling einst tat.

Garage Days

Betritt man die Killowen Distillery, fühlt man sich zwangsläufig an die vielen Erfolgsstorys erinnert, die über die Bill Gates und Metallicas der Welt existieren. Gegründet in einer Garage, machten jene sich auf, die Welt der Computer beziehungsweise eines Musikgenres zu erobern. Brendans Whiskey entsteht in einem ähnlichen Setting. Bereits die schmale Bergstraße, die von der Bucht die Hänge hinauf führt, ist ein kleines Abenteuer. Verpasst man die Zufahrt zur Brennerei (was schnell passiert ist, wenn man nicht genau weiß, wo man hin muss), bietet sich erst nach einigen hundert Metern eine Wendemöglichkeit.

Neben und vor dem Gebäude der Brennerei existiert zwischen IBCs und Paletten kaum mehr als eine Parkmöglichkeit und am besten rangiert man direkt rückwärts auf das kleine Gelände, um später unversehrt wieder heraus zu setzen. Das Gebäude selbst ist ein renovierter Schuppen, gerade groß genug, um einen kleinen Traktor zu beherbergen. Am vorderen Giebel ist die Jahreszahl 1958 in den Stein gehauen. Hinter dem Gebäude liegt eine Weide samt Pferden. Dahinter folgen weitere Weiden soweit das Auge reicht.

Killowen Mourne Mountains
Die Brennerei liegt inmitten der Weiden am Rande der Mourne Mountains

Ein Besuch bei Brendan Carty

Ein großes Schwingtor öffnet sich und gibt den Blick in das Innenleben Brennerei preis. Dort steht zur Begrüßung Brendan Carty lächelnd inmitten der Killowen Distillery. Für die ersten Jahre galt seine Brennerei als die kleinste Irlands. Heute haben weitere Enthusiasten Kleinstbrennereien gebaut und streiten um diesen Titel. Für Brendan spielt das keine Rolle. Vorrangig möchte er hier seiner Leidenschaft nachgehen. Dazu stehen ein Mashtun, zwei Washbacks und zwei portugiesische Kupferbrennblasen am hinteren Ende des Raumes bereit. Deren unterer Bereich ist ummantelt mit Backsteinen.

Anders als gewöhnlich werden die Brennblasen mit direkter Flamme beheizt. Ihre Kapazität: 1000 Liter und 500 Liter. „Für unsere Small Batches befüllen wir die Pot Stills nur zur Hälfte. Dadurch kann der Rohbrand mehr mit dem Kupfer interagieren,“ erklärt Brendan. Hierin wird bereits deutlich, worum es ihm geht: Klasse vor Masse. Lediglich 135 Liter Alkohol stellt Brendan auf seiner Anlage wöchentlich her.

Milch im Warehouse

Brendan führt mich aus dem Produktionsraum in einen kleinen Nebenraum. Hier befindet sich eine kleine Theke mit Barhockern. Einige Killowen-Produkte stehen zufällig arrangiert auf einer zum Regal umfunktionierten Europalette im Hintergrund der Bar. Zahllose Gläser verteilen sich über den Barbereich. Gin-Gläser hängen von der Decke. Auf der Theke glimmt Brendans Laptop im Energiesparmodus. Er bietet mir einen Tee an, den ich dankend annehme. „Kannst du die Milch holen? Sie steht nebenan im Lager,“ bittet er mich in seinem starken irischen Akzent. Ich betrete den Lagerraum. Schwach fällt Licht durch die wenigen Fenster. Rechts und links lagern Fässer unterschiedlicher Größe in zweigeschossigen Regalen. Brendans Warehouse ist kaum größer als seine kleine Bürobar nebenan, die Anzahl eingelagerter Fässer überschaubar. Small Batch. Die Milch finde ich zwischen zwei Fässern, nehme den Karton und kehre zurück zu Brendan. „Der Lagerraum ist kühl genug für die Milch,“ grinst er mich an. Ich lache.

Die Architektur eines Business-Plans

Wir setzen uns und ich frage ihn, wie all dies entstanden ist. Dazu beginnt Brendan seine Geschichte in Australien. Dorthin verschlug es ihn in den 2010er Jahren nach dem Architekturstudium. Irland befand sich nach dem Finanzcrash wenige Jahre zuvor in der Rezession. Insbesondere die Baubranche litt und für Architekten fehlten die Jobs. So ging er auf die andere Seite der Erdkugel und arbeitete dort für drei Jahre. Um das Jahr 2015 kam er dabei mit den Whiskeys der Belgrove Distillery in Berührung. Brendan: „Diese jungen Whiskeys schmeckten unglaublich gut, besser als der beste Redbreast, den ich kannte.“

Er begann sich mit der Brennerei, ihrem Inhaber und dessen Herstellungsmethoden zu beschäftigen. Was er entdeckte, faszinierte ihn: „Peter von Belgrove hat eine Micro Distillery in Tasmanien. Seine Brennblasen sind von direkter Flamme befeuert. Und er experimentiert mit Mixed Mashbills und machte diese zu seinem Markenzeichen.“ Direkte Flamme? Mixed Mashbills? Die Ähnlichkeiten zu Brendans heutigem Konzept werden offenbar. „Tatsächlich begann ich mich damals zu fragen, wie so eine kleine Brennerei in Irland funktionieren könnte,“ eröffnet er.

Brendan Carty Killowen Distillery Pot Stills Brennblasen
Zwei Portugiesische Pot Stills aus Kupfer bilden die Brennapparatur

Die Inspiration für Brendan Carty zur Killowen Distillery

Doch es bedurfte zwei weiterer Anstöße, um den Schritt vom Architekten zum Destillateur zu wagen. Der Erste davon fand in der Dingle Whiskey Bar in Dublin statt. Während eines Heimaturlaubs nahm Brendan an einem Tasting teil, welches Fionnán O’Connor leitete. Dieser hatte im Herbst 2015 sein Buch über irischen Pot Still Whiskey veröffentlicht. „Überall begann eine Diskussion über Pot Still Whiskey,“ erinnert sich Brendan. Insbesondere darüber, was in traditionelle Mashbills gehört und was die aktuelle Gesetzgebung vorschreibt.

Dieses Thema begann Brendan zu begeistern. Zurück in Australien verschlang er Fionnáns Werk und ein inneres Feuer für historische Mashbills begann zu brodeln. Selbst Pot Still Whiskey herzustellen und dabei wie die Belgrove Distillery mit Mashbills zu experimentieren, schien plötzlich immer weniger abwegig. Doch noch zweifelte Brendan daran, ob er genug Geschäftsmann ist, um den Schritt zurück nach Irland und zum selbstständigen Destillateur zu gehen.

Der Shane des Anstoßes

Dann erhielt er den zweiten, den entscheidenden Anstoß. Sein Jugendfreund Shane McCarty hatte zwischenzeitlich ein Exportunternehmen für Bier und Spirituosen gegründet und war damit erfolgreich. Ich fragte Shane: „Kannst du mir deine Eier leihen,“ lacht Brendan. Denn der Mut, den sein Freund gezeigt hatte, war alles, was ihm selbst noch fehlte. Einen Businessplan hatte er da bereits im Stillen erstellt. „Der war eigentlich mehr ein Buch. Er enthielt all meine Recherchen,“ blickt er zurück. Nachdem er noch seinen zweiten Jugendfreund Liam Brogan ins Boot holte, begann schließlich 2017 das Abenteuer der Killowen Distillery. „Mit Liam saß ich bei einer Tasse Tee und anschließend gingen wir zu Joe, dem Besitzer dieses Schuppens. Den fragten wir, ob er ihn abgeben könne und plötzlich hatten wir unsere Brennereistandort.“

Die Freundschaft zu Liam und Shane geht zurück in die Kindertage der Drei. „Die beiden kommen aus Hilltown, einem kleinen Dorf in den Bergen, ganz in der Nähe. Wir gingen mit 10, 11 Jahren zusammen aufs St. Colman’s College in Newry. Shane saß am ersten Schultag neben mir. Seit dem sind wir befreundet.“ Während des Studiums wohnten die drei zusammen, gingen in dieselben Bars in Belfast. Heute sind die beiden Teilhaber an Brendans Killowen Distillery und gleichzeitig die Köpfe hinter dem unabhängigen Abfüller Two Stacks.

Brendan Carty und die Killowen Distillery: Masterplan Qualität

Zurück zum Businessplan: Brendan baute die Brennerei klein. Sehr klein. Alle Prozesse muss er manuell ausführen. Jede Bewegung, jedes Füllen, Ablassen, Reinigen bedarf der Handarbeit. Durch die direkte Befeuerung der Stills, muss die Temperatur stets im Blick behalten werden. Dabei misst er jedoch genau diesen kleinen Details eine hohe Bedeutung zu: „Ich bin überzeugt, durch die Art und Weise, wie wir produzieren, sichern wir die Qualität unserer Produkte. Mit jeder Automatisierung, jeder Professionalisierung verliert man ein wenig von der handwerklichen Magie.“

Ein weiteres Geheimnis sind seine Brennblasen, hergestellt in Portugal. „Heutzutage stammen die meisten Brennblasen von Forsyths in Schottland. Dort wird ein hartes Kupfer verwendet. Dagegen ist das Kupfer der portugiesischen Brennblasen deutlich weicher. Es findet eine höhere Interaktion beim Destillieren statt. Der Nachteil ist, sie nutzen sich schneller ab,“ erläutert Brendan. Woher seine Rohstoffe stammen? „Wir leben in einer globalisierten Welt. Heutzutage stammen viele Dinge von unterschiedlichsten Orten. In unserer Region wird vor allem Hafer angebaut und den beschaffen wir lokal,“ weiß der Destillateur. Dagegen stammt seine Gerste aus anderen Regionen der Insel, Roggen oder Weizen vom europäischen Kontinent.

Brendan Carty Killowen Distillery Wash Backs
Auf engstem Raum entsteht die Killowen-Qualität

Peated, Baby!

Einen Teil lokaler Produktion kann man um die Killowen Distillery herum sogar riechen. Denn während Brendan seine gemälzte Gerste fertig von den großen Mälzereien bezieht, darrt er den Hafer selbst vor Ort. In einem kleinen Blechschuppen am anderen Ende des Geländes glimmt hinter einer zweiflügeligen Schiebetür ein Torffeuer und räuchert den Hafer für die eigene Produktion. Regelmäßig betritt Brendan den kleinen Räucherofen und wendet das Getreide. „Das ist natürlich kein schöner Job. Die Augen tränen, deine Klamotten stinken anschließend bestialisch,“ beschreibt er die Tätigkeit. „Aber auch dies ist Teil des handwerklichen Prozesses. Und wir konnten keine geräucherten Hafer in unseren kleinen Mengen bekommen. Also machen wir es selbst.“

Was Brendan Carty in Killowen herstellt, ist vor allem Poitín und Whiskey. Und dabei spielen torfige Geschmacksaromen eine große Rolle. „Ich liebe Peated Whiskey,“ gesteht Brendan. „Und traditionell waren Poitín und Whiskey nahezu immer getorft, denn Torf war der gängigste und manchmal auch der einzige Brennstoff auf dem Land.“ Auf Traditionen wie diese legt er viel wert. Und auf das Ausleben seiner Liebe für historische Mashbills. Mit dem Bulcán wiederbelebte er im Frühjahr 2022 eine der ältesten, bekannten Poitín Mashbills aus 50 Prozent Gerste und 50 Prozent Hafer. Dabei schloss sich für Brendan ein Kreis, denn bei der Recherche der alten Rezeptur arbeitete er mit Fionnán O’Connor zusammen. Jenem Autor, der ihn wenige Jahre zuvor derart inspirierte.

Killowen Bulcan

Killowen Distillery: Tradition und Fortschritt

Jedoch möchte Brendan seine Produkte nicht nur als traditionell verstehen. „Leute sagen, im Vergangenen läge der Ruhm. Doch das ist eine gefährliche Betrachtungsweise. Egal ob für eine Industrie oder für eine Gesellschaft. Es geht nicht um ‚Make Whiskey great again‘,“ philosophiert er lachend. Vielmehr geht es Brendan um andere Dinge: „Ich selbst bin mehr ein Künstler als ein Techniker. Mir geht es auch darum, mich selbst auszudrücken.“ Vor allem geht es um das Experimentieren.

Dies zeigt sich in seinen bisherigen Whiskey-Releases. Mangels eigenem, fertigem Destillat, bezog er Whiskeys aus anderen Brennereien und versah diesen mit verschiedenen Finishes. Seine Bonded Experimental Series verdient sich dabei ihren Namen. Hier experimentiert er mit dem selben Whiskey in unterschiedlichen Fässern. Wer hier jedoch die üblichen Port- und Sherry-Finishes erwartet, sieht sich getäuscht. Viel mehr finden sich Begriffe wie Txakolina Acacia Cask, Virgin Hungarian Oak oder Ex-Peated Islay Cask auf den Flaschen-Labeln wieder.

Ebenso geht Brendan Carty in Killowen beim Poitín vor. Sein Standard-Abfüllung besteht aus gemälzter Gerste, ungemälzter Gerste, Hafer und Weizen. Hier zeigt sich zunächst der Mashbill-Fan. Dazu versieht er den Poitín für eine limitierte Auflage, genannt The Cúige mit kurzen Finishes. Bis zu zehn Wochen sind laut aktueller Gesetzgebung als Finish gestattet. Für diese Zeit kam der Poitín in fünf Fässer, die zuvor unterschiedliche Biere aus Brauerein aus den fünf historischen Provinzen Irlands beinhalteten.

Killowen Shed
Die Killowen Distillery

Brendan Carty: Killowen Kult

Der Erfolg der Experimente gibt Brendan recht. Bereits früh wächst eine kleine Fangemeinde heran. Sein Signature Whiskey Release, der Killowen Rum & Raisin, kommt Batch für Batch sehr gut an. Die einzelnen Releases aus der Bonded Experimental Serie sind jeweils binnen kürzester Zeit ausverkauft. Ebenso The Cúige.

Bei derart guter Nachfrage, liegt die Frage nach den Zukunftsplänen der jungen Brennerei nicht fern. Brendan kommt zurück zum Experimentieren: „2022 ist das Jahr des Poitín. Wir arbeiten daran, dieser traditionell irische Spirituose wieder mehr Bühne zu bieten.“ Dazu startet er eine Experimental Poitín Serie, die verschiedene Bestandteile des Poitín hervorheben soll. „Ich mag Herausforderungen. Und manchmal möchte man auch verrückte Dinge machen,“ lächelt Brendan geheimnisvoll. Welches sein erster, eigener Whiskey sein wird? „Ein Pot Still Whiskey,“ schießt es wie aus der Pistole.

Non-konform und Non-GI

Natürlich nach eigener Mashbill und selbstverständlich sei diese nicht konform mit den aktuellen Vorschriften für Irish Single Pot Still Whiskey. „Dann nenne ich ihn eben anders,“ zuckt Brendan nur mit den Schultern. An Wachstum denkt er dabei nicht. „Ich sehe das hier wie ein Hobby und bin fest davon überzeugt: Je größer die Destillerie wird, desto mehr Qualität geht verloren.“ Während er dies sagt, wirkt er beinahe wie Peter Pan, der Junge, der nicht erwachsen werden wollte. Das spielerische Element und die Freude an seinem Tun hat sich Brendan jedenfalls bewahrt, genau wie die märchenhafte Figur.

Ende April 2022, nur kurz nach unserem Gespräch wurde der erste, von Brendan in Killowen selbst gebrannte Spirit drei Jahre alt und somit offiziell zu Whiskey. Die Experimente in der kleinen Brennerei am Fuß der Mourne Mountains dürfen also weitergehen.